Hagen Rether ist ein Arschloch

28. Mai 2011

Am heutigen Sonnabend lädt sich die Frankfurter Kulturszene, die sich entgegen ihres eigenen Anspruchs vor allem durch lähmende Provinzialität auszeichnet, eine ganz besonders hässliche Figur des politischen Kabaretts in die Alte Oper. Hagen Rethers Programm verspricht „Liebe“ und liefert doch nur den wenig sublimierten Hass auf alles, was der deutschen Gemütslage widerstrebt. Auf seiner Website rühmt sich der Kleinkünstler, dem der Ekel ins Gesicht geschrieben steht, etwas zu besitzen, „das selten ist: Eine Haltung. Er weicht nie aus, sondern bezieht Stellung, auch wenn die unbequem ist.“ Und zwar aus „wahrhaftiger, aber selten gewordener Liebe zur Wahrheit.“

Wer sich in Deutschland damit brüstet, laut und unverblümt die Wahrheit zu sagen, war schon immer mehr als nur ein gewöhnlicher Lügner. Das Großmaulgetue, das sich auf Wahrheit beruft, ist nichts anderes als das Ressentiment des Autoritären gegen all das, wovon er sich verfolgt fühlt. In einer Gesellschaft, deren Unbehagen an den eigenen Institutionen stetig wächst, deren Bürger endlich wieder gemeinsam auf die Straße gehen, Grün wählen, Spiegel lesen und den Tod eines Terroristen beklagen, dessen Exekutoren sie am liebsten am Strick sähen, hat ein sadistischer Jammerlappen wie der Rether eine prominente Funktion. Das in seiner Ohnmacht eingesperrte und um sein Leben geprellte nachbürgerliche Subjekt erlebt, außer der eigenen Unzufriedenheit, nichts Bedeutsames mehr. Deshalb will es wenigstens kräftig fühlen. Emotionale Aufwallungen besorgen für den Moment den Ausgang aus der Langeweile, die einsetzt, sobald die Beschäftigten ihren Arbeitsplatz verlassen. Weil sich die richtige Stimmung nicht von selbst einstellen will, gibt es für jedes Gefühl das passende Mittel: gegen Depression die Pille, für die Geilheit den Porno und für die politische Ekstase den Hassverkäufer. Hagen Rether beherrscht die Kunst, gelangweilte Deutsche für einige Momente in aufgeschreckte Deutsche zu verwandeln. Dabei bekommt das Publikum nur Bekanntes – das eigene Leben im Schnelldurchlauf: dumm rumsitzen und an den richtigen Stellen lachen. Die richtigen Stellen, das sind die, die jedem Trottel im Publikum deutlich machen, wer der Feind ist. Rether geht bei seinen Evokationen meistens nur einen kleinen Schritt weiter als andere traurige Gestalten der Bespaßungsindustrie. Gerade weil er Nächstenliebe predigend Amerika den Krieg erklärt, weil er die Opfer des islamistischen Terrors verhöhnt und die verstorbene Frau seines Konkurrenten Herbert Grönemeyer noch ein zweites Mal kulturindustriell verwertet, indem er aus dessen öffentlicher Totenklage eine Lachnummer macht, verkauft er ein paar Karten mehr als diejenigen, die es weniger drauf haben, die konformierende Asozialität aus der Latenz zu locken. Es ist das Prinzip des deutschen Humors, dass die Pointe nur dann sitzt, wenn sie als Verächtlichmachung des Beargwöhnten zelebriert wird, sodass im Hohngelächter der Bescheidwisser erlösende Identität sich herstellt. Rethers Bürgschaft für die deutsche Sache besteht in dieser kathartischen Sabotage von Reflexion. Und er glaubt den Mist, den er verzapft; er ist der Jürgen Klopp der deutschen Ideologie. Für diese Authentizität liebt man ihn. Was ihm an Witz und politischer Überzeugungskraft fehlt, gleicht er durch mangelnde ästhetische Form aus. Dass ihm vom Feuilleton dennoch immer wieder virtuose Sprachkunst mit brillantem Wortwitz angedichtet wird, spricht lediglich für die Verkommenheit der Schreiberzunft. Denn Rether spricht ein Deutsch, „vor dem es jede Sau im deutschen Lande, jedoch nicht dessen Bürger graust: die Sprache derer, die zwar deutsch fühlen, aber nicht können.“ (Karl Kraus) Seine Vorträge sind kaum komponiert; er redet oft einfach wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Sätze oder ganze Abschnitte beendet er mit Floskeln wie „Ja aber hallo“, „ist doch so“ oder „geht’s noch?“, die im alltäglichen Sprachgebrauch signalisieren, dass der Sprecher an seine intellektuelle und sprachliche Grenze stößt. Wer weiß, vielleicht beschleichen den Pianoplauderer in solchen Momenten Selbstzweifel. Hat er etwa nicht Recht? Wie weit kann er gehen? Geht’s noch weiter, oder ist er bereits über das Ziel hinausgeschossen? Gerade in dieser symbolischen Offenbarung der Nicht-Identität, des Sprachzerfalls, ist Rether das getreue Abbild des Wutbürgers, in dem es rumort, der aber nicht weiß, was da warum in ihm rumort und gegen wen oder was seine Wut sich zu richten hätte. Die Funktion des deutschen Spaßmachers gleicht der des politischen Scharfmachers: beide demonstrieren Identität. Sie verkörpern die Instanz, die es dem Publikum qua Identifikation erlaubt, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und die Wut an der gesellschaftlich produzierten Malaise an anderen abzureagieren. Identität herrscht dementsprechend auch im Verhältnis von Text und Musik, mit der Rether seine Vorträge zu begleiten pflegt, so bspw. wenn er die berühmte Sentenz aus dem Choralsatz der 9. Symphonie Beethovens zitiert und die zur harmonischen Europahymne verfratzte Komposition in Stellung bringt gegen die angebliche Kulturlosigkeit Amerikas. Rether beginnt seine Ode an die Freude so:  „Geht’s uns gut! (…) Sechzig Jahre Menschenrechte, davon acht Jahre Bush, ist doch mal’n Schnitt. (…) Die Öl-Lobby im Weißen Haus, was hat die für Elend gebracht? America, home of the grave! Vor den Zynikern an der Wallstreet hätten wir mal Angst haben sollen, die letzten acht Jahre. Da hatte der zynische Zwerg Bin Laden aber Bauklötze gestaunt, was die da, die Lehman Brothers, in drei Tagen zerstören. Gegen diese Kapitalverbrecher sind die unterbelichteten Bombenbastler von Al Kaida ein Furz in den Wind. Das ist Globalisierung.“ – Das ist europäische Globalisierungskritik. Und die Musik gibt in Gestalt der Europahymne, die dem Inhalt der Hasstirade konvergierend das geeinte Deutscheuropa dem „großen Satan“ USA entgegensetzt, den Takt der falschen Versöhnung vor. Die infantile Regression, die in solchen weltgeschichtlichen Betrachtungen zum Ausdruck kommt, ist jedoch nicht alleine der individuellen Pathologie eines Spinners geschuldet. Nicht nur in Rethers Welt wimmelt es von Zwergen, Bauklötzen, Fürzen und bösen Menschen. Weil er eine spinnerte Welt stellvertretend rationalisiert, kommt er bei denen gut an, die immer wieder an deren Zumutungen scheitern. Was dabei rauskommt, wenn am Undurchschauten und Unbegriffenen die Wut wächst, ist bekannt und kann an Rether nochmals studiert werden. Schuld sind Kapitalverbrecher, Börsenspekulanten und – selbstredend – Israel und seine Freunde. Rether hat sich einmal selbst als „humanistischen Nazi“ bezeichnet. Als solcher träumt er vom endgültigen Sieg des Terrors über die Vernunft und einer Welt, in der niemand mehr die Friedhofsruhe der Mörder stört: „I had a dream. Stellen Sie sich vor, Amerika hätte nach dem 11. September nichts unternommen. Nichts. Die Flugzeuge wären in die Türme gekracht, über dreitausend Menschen wären gestorben und es wäre furchtbar gewesen. (…) Stellen Sie sich vor, Amerika wäre ein christliches Land. Man würde nicht an Rache denken, sondern an Vergebung.“ „Es wäre auf keinen Fall schlechter als es heute wäre“, meint Rether. „Herta Däubler-Gmelin wäre noch im Amt und wir müssten uns nicht bei jedem Inlandsflug an die Klöten packen lassen.“ Die christliche Mitleidsethik, die Rether hier als rationale Methode der Terrorismusbekämpfung gegen die amerikanische „Cowboymentalität“ in Anschlag bringt –  und die sich streng ans Schillersche Original hält („Groll und Rache sei vergeben / unserm Todfeind sei verziehn“) –, ist freilich nur die oberflächliche Rationalisierung eines tief sitzenden Unbehagens an der Kultur, das ihn dazu veranlasst, mit jenen zu sympathisieren, die ihr Misslingen befördern.

der ganze Artikel von Gruppe Morgenthau

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4 Antworten zu Hagen Rether ist ein Arschloch

  1. laurin10 schreibt:

    Oh Mann ..“ Rethers Bürgschaft für die deutsche Sache besteht in dieser karthartischen Sabotage von Reflexion.“ Würde sagen, dass der einzige, allgemein verständliche Satz dieses Artikels die Überschrift ist.
    Die Botschaft könnte gegebenenfalls auch in deutsch verfasst werden, dann vielleicht in 10 Sätzen. Dieses würde dann nicht wie gequirlte Sch….. mit hohem intelektuelle Anspruch anmuten.

    • andere110 schreibt:

      Aber ganz genau diese Tatsache hat mir an dem Artikel so gefallen. Es widerlegt das gängige Vorurteil, dass linke Schreibe intellektuell und witzig ist, während der Konservative nur tumb und ungeschliffen seine primitiven Ressentiments bedient. Der Gutmensch fühlt sich ja nicht nur moralisch sondern auch geistig schwer überlegen.
      Und wem die Freude an der, rethorisch mit feiner Klinge geschlagenen, Polemik zu hirnsträubend ist der merkt sich eben einfach nur die Überschrift. Da haste recht – die ist verständlich!

      • laurin10 schreibt:

        Richtig! Aber warum benötigt die feine Klinge der Polemik (wieder so ein Fremdwort) ein philosophisches Wörterbuch, um von den, mir bekannten Konservativen verstanden zu werden.
        Weiss zwar nicht genau, ob überwiegend Gutmenschen in der Lage sind, dermaßen gestelzte Texte zu ergründen, aber die Wahrscheinlichkeit dafür schätze ich als „hoch“ ein. Aber, es gibt neben „andere“ außerhalb meines Bekanntenkreises sicher Nichtlinksintellektuelle , die es doch können.
        War ja auch Tilos Problem – klare Worte, unverschlüsselt, in deutscher Sprache, machen eben allgemein, insbesondere bei Gutmensche, den Schreibenden nicht gerade populär.
        So…, nach dieser hirnstreubenden Polemik, will ich mal aufhören, sonst kommen wir noch in die Loge der Muppet Show – Leider schon besetzt vom ehemaligen brandenburgischen Innenminister.
        Guten Abend

  2. Giamo schreibt:

    Keine „feingeschliffene“ Rhetorik kann verdecken, dass hier jemand vor allem selbst voll des Hasses ist. Sein Hass begründet sich leider nur im eigenen Unverständnis der Welt um ihn herum. Im speziellen Fall:
    „Sätze oder ganze Abschnitte beendet er mit Floskeln wie „Ja aber hallo“, „ist doch so“ oder „geht’s noch?“, die im alltäglichen Sprachgebrauch signalisieren, dass der Sprecher an seine intellektuelle und sprachliche Grenze stößt.“
    hat der Schreiberling sich damit entlarft. Offenbar war er intellektuell nicht fähig, Sarkasmus zu entdecken… Seis drum, hübsch geschrieben, nur leider aus Unverständnis entstanden.

    Was hält der Auto denn für die Ursache des „tief sitzenden Unbehagens an der Kultur“? Und warum glaubt er, Rether befördere ihr Misslingen?

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